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Public Affairs

Die Verbändelandschaft muss bereinigt werden!

In Deutschland gibt es zu viele Verbände – insbesondere in der Energiebranche. Das ist ein Problem, denn zu viele konkurrierende Verbände schwächen die eigene Durchsetzungsfähigkeit. Eine Konsolidierung der Verbändelandschaft ist daher unumgänglich.

von Alexander Land

Entwicklungen in Wirtschaft und Politik verlaufen in zyklischen Wellenbewegungen. Auf eine Hochphase, hervorgerufen beispielsweise durch eine neue Innovation oder Idee, folgt deren Niedergang. Während des Niedergangs formt sich bereits die nächste Entwicklung und der Zyklus beginnt von neuem. Zahlreiche Wissenschaftler, vor allem aber Wirtschaftswissenschaftler wie Nikolai Kondratjew, haben dieses Muster nachgewiesen.

Das Prinzip der Wellenbewegungen kann auch auf die Verbändelandschaft übertragen werden, indem gezeigt wird, dass die Durchsetzungsfähigkeit von Verbänden wellenförmigen Schwankungen unterworfen ist. Derzeit, so muss konstatiert werden, bewegen wir uns in Deutschland, was die Durchsetzungsfähigkeit der Verbände betrifft, auf eine Talsohle zu. Der Grund: In Deutschland gibt es zu viele Verbände – insbesondere in der Energiebranche.

Verbände sind für eine Demokratie von herausragender Bedeutung, denn sie bündeln Interessen, kanalisieren diese und speisen sie in den Meinungsbildungs- und Gesetzgebungsprozess ein. Unternehmen aller Art finden so in der Öffentlichkeit Gehör für ihre Anliegen. Die Relevanz eines Verbands hängt von dessen Präsenz und Impact ab. Je präsenter ein Verband in der Öffentlichkeit, desto wirkungsvoller und damit durchsetzungsfähiger ist er zumeist.

Anzahl der Verbände nimmt rasant zu

Nun ist es allerdings nicht so, dass ein Verband für seine Branche einen Alleinvertretungsanspruch erheben kann, weshalb die Zahl der Verbände mittlerweile sehr groß ist. Im Jahr 2014 waren in Deutschland fast 16.000 haupt- beziehungsweise nebenamtlich geführte Verbände registriert. Zur Jahrtausendwende lag die Zahl noch bei rund 11.000.

Der Anstieg der Verbändeanzahl ist zum einen auf die zunehmende Fragmentierung von Öffentlichkeit und Interessen zurückzuführen, zum anderen auf ordnungspolitische Maßnahmen. Ein Blick auf die Energiebranche verdeutlicht diesen Befund, denn hier fanden mehrere von der Politik initiierte Entwicklungen statt, die zudem zeitlich verdichtet auftraten. Konkret handelt es sich hierbei um den Liberalisierungsprozess des Energiemarkts bei gleichzeitiger Einführung eines neuen Regulierungsrahmens ab der Jahrtausendwende.

Im Bild der zyklischen Wellenbewegungen entspricht diese Situation der Talsohle und markiert den Beginn einer neuen Entwicklung innerhalb der Verbändelandschaft. Bei den geänderten Rahmenbedingungen war es wichtig, dass sich möglichst viele Unternehmen unter dem Dach eines großen Verbands sammeln, um zunächst die grundsätzlichen Interessen zu bündeln.

Nach der Konsolidierungsphase finden die Unternehmen ihre Nischen und weiten ihr Geschäftsfeld aus – neue Unternehmen und Verbände entstehen, die Branche gewinnt insgesamt an Einfluss. Im Fall der Energiebranche folgte ein zweiter exogener Faktor, der den Trend hin zu mehr Verbänden verstärkte: die Energiewende.

Innerhalb relativ kurzer Zeit treten vielfältige neue Player mit neuen Interessen auf. Klassische Unternehmen der Branche kämpfen allerdings fortan gegen den drohenden Niedergang. Sowohl Konflikte in einem Branchenverband als auch zwischen verschiedenen Verbänden innerhalb einer Branche sind programmiert. Die Durchsetzungsfähigkeit der Verbände nimmt folglich ab. Die zyklische Wellenbewegung hat zu diesem Zeitpunkt ihren Scheitelpunkt bereits überschritten.

Wettbewerbsdruck innerhalb und zwischen Verbänden

Um dennoch weiterhin in der Öffentlichkeit positiv wahrgenommen zu werden, konzentrieren sich Verbände auf Interessen, die einfach zu vertreten sind. Andere Interessen werden häufig ignoriert, was zur Folge hat, dass Unternehmen ihre Mitgliedschaft kündigen und neue, kleine Verbände gründen.

Unternehmen achten genau darauf, durch welchen Verband sie sich vertreten lassen, schließlich gibt es die Mitgliedschaft nicht zum Nulltarif. Darüber hinaus beansprucht die Verbandsarbeit Kapazitäten und Ressourcen. So entsteht eine Art Teufelskreis: Große Verbände schrumpfen, viele kleine entstehen. Es stellt sich die Frage, ob innerhalb einer Branche mit sehr vielen Verbänden nachhaltige und belastbare Konzepte für die Zukunft entwickelt werden können.

Viele Verbände, nicht angemessen vertretene Interessen: das ist kein Erfolgsrezept! Fakt ist, es wird zu einer Bereinigung der Verbändelandschaft kommen (müssen), damit die Durchsetzungsfähigkeit wieder gesteigert werden kann. Zwei Entwicklungen, die zu solch einer Bereinigung führen, zeichnen sich bereits ab: Erstens verlieren Verbände mit einem unscharfen Profil Mitglieder und sehen sich mittelfristig zur Auflösung gezwungen. Zweitens verändern einige Verbände ihre thematische Ausrichtung. Damit tragen sie der Schwerpunktverlagerung ihrer Mitgliedsunternehmen Rechnung und können sich im besten Fall eine Zukunftsperspektive erarbeiten.

Die Branche und ihre Verbände durchlaufen demnach bereits die dringend notwendige Konsolidierung. Damit wäre die Talsohle zwar durchschritten, aber dies hat auch seinen Preis. In Zeiten schwacher weil äußerst fragmentierter Interessenvertretungen werden die politischen Rahmenbedingungen nur langsam weiterentwickelt. Im globalen Wettbewerb, der an Geschwindigkeit gewinnt, ist das ein klarer Nachteil.

Alexander Land

ist Leiter Kommunikation & Energiepolitik bei Open-Grid Europe (Foto: Andre Loessel Photography/Alexander Land).