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Die Story sichtbar machen

Journalisten glauben oft, sie müssten ihre Geschichten „personalisieren“, um für Spannung zu sorgen. Doch die Akteure der Politik geben die gewünschte Story nicht immer her. Was tun? Maximilian Steinbeis plädiert für neue Wege im politischen Journalismus.

Von Maximilian Steinbeis

Es war Mitte der Neunziger. Ich hatte gerade den Beschluss gefasst, Journalist zu werden. Ich stand mit einem etwas älteren Freund zusammen, der gerade als Volontär beim Bayerischen Rundfunk genommen worden war, und wir fantasierten über unsere aufregende politische Korrespondentenzukunft: Bonn! Washington! Moskau! Als ich „Brüssel!“ einwarf, zog mein erfahrenerer Freund ein Gesicht.
Ach, Brüssel, sagte er. Brüssel ist doch keine Geschichte.
Jeder weiß, dass die meisten Gesetze auf EU-Ebene entstehen. In Brüssel fallen die maßgeblichen Entscheidungen. Die Politik, die dort gemacht wird, ist für Deutschland und seine Zeitungsleser von ungeheurer Tragweite.
Aber Brüssel ist keine Geschichte.
Wir Politikjournalisten sind gewohnt, es als Problem der Politik zu betrachten, wenn sie „keine Geschichte“ ist: Was können wir dafür, wenn die in Brüssel solche Langweiler sind? Wenn die immer nur Kompromisse aushandeln, anstatt die Entscheidung auf ein sauberes Entweder-Oder zuzuspitzen, ein Dafür-oder-dagegen, mit dem man tüchtig Spannung erzeugen kann? Wie soll man eine Geschichte erzählen, ohne Spannung?
Dann kommen sie halt nicht vor in der Zeitung, sind wir gewohnt zu sagen. Ist doch nicht unser Problem.
Das Dumme ist nur: Diese schöne zugespitzte Entweder-Oder-Situation, die wir so nötig brauchen für unseren Job, die gibt es in der Politik immer seltener. Nicht nur in Brüssel, auch in Berlin: Zwischen zwei bis drei Koalitionspartnern, fünf Parteien, sechzehn Ländern und tausend Verbänden, Experten und Interessenvertretern wird in Berlin längst genauso viel verhandelt und konsultiert wie in Brüssel. Das kann man beklagen und bejammern, aber nach der x-ten Wiederholung ist auch die Beobachtung, dass Angela Merkel „nicht führt“, keine spannende Geschichte mehr.
Uns kommt unser Gegenstand, die Politik, abhanden. Und das ist leider durchaus unser Problem.
Eine Zeitlang haben wir geglaubt, wir kämen damit davon, dass wir „personalisieren“, also das Drama in den handelnden Figuren suchen. Das kann man machen. Aber nicht, wenn es sich bei der handelnden Figur um, sagen wir, Ronald Pofalla handelt.
Unsere Frustration, dass aus so vielen mächtigen Politikern so wenig Drama herauszumelken ist, schlägt sich in jenem verächtlichen, sarkastischen Ton nieder, in dem über sie schreiben, als wären wir in Berlin immer und überall nur von Idioten umgeben, und der vermutlich das Letzte ist, was uns unsere zunehmend befremdeten Lesern noch glauben.
Unser letzter Ausweg: Wir machen uns unsere Spannung einfach selber. Wir bürsten auf Krawall und machen aus jeder Meinungsverschiedenheit einen Riesenkrach und aus jeder Auseinandersetzung um den richtigen Weg in der Hartz-IV-Reform eine „Meuterei gegen von der Leyen“ und verfehlen damit sowohl das Thema als auch das Leserinteresse: Als ob das außerhalb der Hauptstadtdunstglocke irgendjemand interessieren würde, wenn irgendein langweiliger Politiker Ärger mit irgendeinem anderen langweiligen Politiker hat.
Apropos Leser: Denen geben wir auch immer gern die Schuld an der Misere. Sie seien ja so indifferent und politikverdrossen! Mag alles sein. Aber meine Vermutung ist, dass sich das Interesse der Leute da draußen an der Lösung politischer Probleme schon wecken ließe, wenn man sie nicht immer mit Scheinkonflikten und Albernheiten behelligen würde.
Politik für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen ist unser Job. Wenn wir das durch Geschichtenerzählen nicht mehr hinbekommen, dann sollten wir uns nach anderen Möglichkeiten umsehen.
Es gibt, ausgehend von den USA und Großbritannien, einen Trend, der sich „data journalism“ nennt: das Zugänglichmachen von gewaltigen Datenmengen durch Navigationshilfen und Visualisierung. Das prominenteste Beispiel war die Veröffentlichung der Afghanistan- und Irak-Protokolle von Wikileaks beim „Guardian“, bei der „New York Times“ und beim „Spiegel“. Solche Darstellungsformen sind die Zukunft des Politikjournalismus. Warum sollte sich nicht auch, sagen wir, die Debatte um die Hartz-IV-Reform auf diese Weise zugänglich machen lassen? Sicher, die Daten sind nicht sauber tabellierbar und nur schwer automatisch zu verarbeiten. Aber umso mehr gäbe es für gestandene Politikjournalisten zu tun.
Der neue Politikjournalismus ist nichtlinear, und er ist visuell. Er versorgt die Leser mit Orientierung, damit sie im Dschungel der politischen Lösungsvorschläge ihren eigenen Standpunkt finden und markieren können. Er kartografiert die politische Meinungslandschaft. Er ist nützlich. Er wird gebraucht. Er ist relevant.
Und spannend ist er obendrein.

Maximilian Steinbeis

war langjähriger Parlamentskorrespondent des „Handelsblatts“ in Berlin. Seit 2008 entwickelt er mit dem Projekt „Politikatlas“ neue visuelle Darstellungsformen für politische Debatten, zuletzt zum Thema Schulreform.