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Foto: Susie Knoll; Cover: Siebenhaar Verlag; Collage: Julia Nimke
Serie: Politik ohne Grenzen, Teil 4

Der Krieg und die kollektive Erinnerung

Im Sammelband "Politik ohne Grenzen" erzählen Abgeordnete aller Parteien des Deutschen Bundestags Geschichten aus ihrem Leben mit Migrationshintergrund. Auszüge aus sieben dieser Geschichten veröffentlicht p&k jeden Montag. Im vierten Teil gibt SPD-Generalsekretärin Katarina Barley Einblick in ihre deutsch-britische Familie und ihre Haltung zum Kampf gegen den IS.

von Katarina Barley

Meinen Migrationshintergrund erkennt man auf den ersten Blick nur an meinem Nachnamen. Ich bin in Köln geboren und habe dort meine gesamte Kindheit und Jugend verbracht. Als Tochter eines Briten und einer Deutschen sieht man mir die ausländischen Wurzeln nicht an. Und die Kulturkreise, aus denen meine Eltern stammen, unterscheiden sind nicht einmal grundsätzlich. Dennoch haben meine beiden Staatsangehörigkeiten sich auf mein Leben ausgewirkt. Im täglichen Leben, aber auch in meinen Grundeinstellungen. Insofern ist meine Migrationsgeschichte vielleicht typisch für die vieler Menschen in diesem Land.

[...] Die Tatsache, dass es britische Bomber waren, die Dresden bombardierten und fast die Familie meiner Mutter ausgelöscht hätten ist ein Umstand, der mich tief geprägt hat. Mein Vater, Jahrgang 1935, stammt aus Lincolnshire, einer ländlich geprägten Region Mittelenglands. Ganz in der Nähe seines Heimatortes liegt die einzige Basis der Royal Air Force, in der Piloten ausgebildet wurden. Er liebte es als Kind, die Flugzeuge zu beobachten, die von dort aufstiegen. In den Kriegsjahren zählte er die Bomber, die Richtung Deutschland starteten. Noch heute kann er sich, so sehr er den Krieg ablehnt, für die Technik und Ästhetik dieser alten Flieger begeistern.

Die Vorstellung, dass eine dieser Maschinen nur einen Tag später womöglich seine spätere Frau getroffen hätte, macht das Grauen des Krieges für mich greifbarer. Ich gehöre ja zu einer Generation, die Krieg zu unser aller großen Glück nie erlebt hat und hoffentlich nie erleben wird. Je weiter die kollektive Erinnerung aber zurückliegt, umso weniger können sich gerade junge Menschen vorstellen, was Krieg wirklich bedeutet. Dass jetzt Jugendliche und junge Erwachsene in die brutale Welt des sogenannten IS eintreten und gegen alles Menschliche kämpfen, erschüttert mich zutiefst. Die Berichte mancher Rückkehrer sprechen von der harten Ankunft in der Realität des Krieges. Leider auch manche Videos, die erst öffentlich werden, wenn dieser Wahnsinn schon das Leben ihrer Verfasser gekostet hat.

Aber noch eine andere Frage drängt sich mir aus dieser Familiengeschichte besonders auf. Wie stehe ich zu bewaffneten Einsätzen grundsätzlich? Eine der elementaren Fragen, die sich jede und jeder Bundestagsabgeordnete immer wieder stellen muss. So kritikwürdig die Bombardierung Dresdens in Ausmaß und Zeitpunkt gewesen sein mag, so furchtbar die Zivilbevölkerung gelitten hat – Hitlerdeutschland von außen mit Waffengewalt zu bekämpfen, war notwendig. Es brauchte das militärische Eingreifen ausländischer Armeen, um Deutschland von diesem verbrecherischen Regime zu befreien. Deshalb kann ich mich auch nicht als radikale Pazifistin bezeichnen. Eine der schwierigsten Entscheidungen für mich war die Frage, ob wir die kurdischen Peschmerga für ihren Kampf gegen den IS mit Waffen ausstatten sollten. Die Risiken lagen klar zutage: Die Waffen könnten für andere Zwecke verwendet werden oder in falsche Hände gelangen. Die Peschmerga selbst könnten, während oder nach dem Konflikt, Dinge tun, mit denen wir nicht in Verbindung gebracht werden wollen. Andererseits waren die Peschmerga die einzigen, die den Schlächtern des IS vor Ort etwas entgegenzusetzen hatten. Die sich nicht nur um ihre eigenen Interessen kümmerten, sondern auch andere Betroffene schützten. Und die ohne unsere Waffen keine Chance gegen den übermächtigen Gegner gehabt hätten. Vor solchen Entscheidungen schläft man nicht gut, und man weiß oft erst sehr viel später, ob sie richtig waren, oder zumindest das kleinere Übel. Aber man muss sie treffen – auch das Nichtstun hat Konsequenzen. Aus derzeitiger Sicht halte ich es für richtig, zugestimmt zu haben.

[...] Ich hätte auch lieber eine Welt ohne Krieg. Und ich hätte es auch lieber, wenn ich nicht vor solche Entscheidungen gestellt würde. Aber wenn es Situationen gibt, denen man auch mit Gewalt entgegentreten muss, dann ist es unsere Aufgabe, uns dieser Verantwortung zu stellen.

Die Auszüge stammen aus dem Kapitel "Europa ist unsere Zukunft" von Katarina Barley. Der Sammelband "Politik ohne Grenzen. Migrationsgeschichten aus dem Deutschen Bundestag" ist Ende Oktober im B&S Siebenhaar Verlag erschienen. Autorinnen und Autoren wie Azize Tank, Aydan Özoğuz, Cem Özdemir, Alexander Radwan, Gitta Connemann und Herausgeber Özcan Mutlu erzählen darin von ihren persönlichen Lebenswegen und Erfahrungen als Abgeordnete.

Katarina Barley

ist Abgeordnete des Deutschen Bundestags. Im Dezember 2015 wurde sie auf dem SPD-Bundesparteitag zur Generalsekretärin gewählt.