Screenshot: ARD
D
B
Unbewegtes Mienenspiel: Die Kanzlerin lässt sich nicht in die Karten schauen. Screenshot: ARD
Mimik-Check Angela Merkel

Das Mienenspiel der Kanzlerin

Mimikexperte Dirk W. Eilert weiß, worin sich echte Freude von einem höflichen Lächeln unterscheidet. In der neuen Folge seiner Kolumne unterzieht er Bundeskanzlerin Angela Merkel einem Mimik-Check.

von Dirk W. Eilert

Bundeskanzlerin Angela Merkel war am Sonntag zu Gast im ARD-Sommerinterview. Wie ein Politiker in einem Interview oder in einer Rede auf uns wirkt, wird hauptsächlich dadurch entschieden, was er oder sie nonverbal transportiert  also was Mimik, Körpersprache und Stimme ausdrücken. Die Worte spielen selbstverständlich auch eine Rolle. Studien haben aber gezeigt, dass sie das Gefühl, das eine Person bei uns auslöst, nur geringfügig beeinflussen.

Mimik und Körpersprache können uns immer nur Hinweise auf den Zustand einer Person geben. Es handelt sich dabei niemals um Beweise. Die folgende Auswertung basiert auf meiner persönlichen Beobachtung und aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen im Bereich der nonverbalen Kommunikation. Sie stellt keinerlei Wertung der politischen Inhalte dar.

Souveräne Entschlossenheit

Merkel wirkte im gesamten Interview souverän und sicher. Sie zeigte in keinem Moment des Gesprächs Hinweise auf einen Anstieg des Stressempfindens. Dies wären beispielsweise Beruhigungsgesten – wie Lippen lecken oder Spielen mit den Fingern – oder eine erhöhte Blinzelrate.

Ihre Sicherheit war auch erkennbar, als Journalistin Sabine Rau auf den Wahlkampf in Sachsen zu sprechen kam: "Kommenden Sonntag wird in Sachsen gewählt. Nach den letzten Umfragen sieht es so aus, als müssten Sie sich dort einen neuen Koalitionspartner suchen. Die FDP schafft es wahrscheinlich nicht in den Landtag, dafür aber erstmals die AfD. Ist die AfD für die Union ein Koalitionspartner?" Merkel antwortete darauf: "Wir haben im Bundesvorstand der CDU und im Präsidium einstimmig beschlossen, dass die AfD als Koalitionspartner für uns nicht infrage kommt." Dann verrät Merkels Mimik, wie zuversichtlich und entschlossen sie in die letzte Woche des Wahlkampfes geht. Über ihr Gesicht huscht ein Ausdruck echter Freude, als sie fortfährt: "Ich unterstütze jetzt erst einmal Stanislaw Tillich und die CDU in Sachsen, damit sie ein gutes Ergebnis bekommt."

Echte Freude – hier im Sinne von Zuversicht – unterscheidet sich von einem höflichen Lächeln dadurch, dass bei Freude die Augen mitlachen. Dafür verantwortlich ist die Aktivität des äußeren Augenringmuskels. Als weiteres Unterscheidungsmerkmal kommt die Symmetrie des Gesichtsausdrucks hinzu. Jedes Gesicht ist zwar ein bisschen asymmetrisch, spontane und echte Freude ist aber symmetrischer in der Mimik als ein höfliches Lächeln. Dies war im Sommerinterview sehr deutlich zu erkennen, vergleicht man Merkels höfliches Lächeln zur Begrüßung mit dem Freude-Lächeln zum Sachsen-Wahlkampf.

Als Merkel ihren Kommentar zum sächsischen Wahlkampf mit den Worten "In Sachsen gibt es ja durchaus noch viel zu kämpfen. Wir haben noch eine ganze Woche Zeit" schließt, schiebt sie kurz den Kiefer nach vorne. Dieser sogenannte Kiefervorstoß ist ein Hinweis auf Entschlossenheit.

Es gibt nur ein Signal, das Merkels souveränen und sicheren Eindruck stört: Hin und wieder zieht sie die Lippen seitlich auseinander. Dies ist eine Bewegung, die mit Angst in Verbindung gebracht wird und deshalb unsicher wirken kann.

Sparsame Gestik

Die emotionale Beteiligung drückt aus, wie intensiv die Gefühle hinter den gesprochenen Worten einer Person sind. Die entscheidende Frage ist hier nicht, ob jemand emotional beteiligt ist, sondern wie ein Außenstehender dies wahrnimmt. Insbesondere drei Faktoren wirken sich hier aus:

1. Die Mimik transportiert am stärksten und klarsten, wie wir uns fühlen. Der große Vorteil ist, dass Mimik – wenn es um die Basisemotionen geht – im Vergleich zur Körpersprache kulturübergreifend von allen Menschen verstanden wird. Im Sommerinterview blieb Merkels Mimik weitestgehend unbewegt. Nur in zwei Situationen war ihre emotionale Beteiligung erkennbar: Als es um den Wahlkampf in Sachsen und um den Nahost-Konflikt ging. Während Merkel sagte: "Wir haben eher eine sehr kritische Situation jetzt von Katar im Zusammenhang mit der Hamas und dem Nahost-Konflikt", zieht sie das einzige Mal im Interview ihre Augenbrauen zusammen. Dies unterstreicht hier wirkungsvoll ihre Worte.

2. Der zweite Faktor bezieht sich auf den Einsatz illustrativer Gesten. Wenn jemand viele Gesten einsetzt, die das gesprochene Wort ergänzen und unterstreichen, gibt das dem Gesagten eine stärkere Wirkung. In dem 20-minütigen Sommerinterview war Merkel – wie für sie üblich – im Einsatz von Gesten extrem sparsam.

3. Auch an der Körperhaltung lässt sich erkennen, wie stark ein Mensch innerlich beteiligt ist. Sobald wir emotional stark beteiligt sind, bleiben wir nicht mehr zurückgelehnt sitzen, sondern richten uns auf und lehnen uns meist sogar vor. Merkel saß während des kompletten Interviews zurückgelehnt in ihrem Sessel. Dies verstärkt zwar die Ausstrahlung von Ruhe und Sicherheit, verstärkt aber auch den bereits vorhandenen Eindruck einer geringen emotionalen Beteiligung.

Emotionale Beteiligung zu zeigen ist eindeutig nicht Merkels Stärke. Dies hat sich zum Beispiel auch in den Umfragen nach dem TV-Duell gegen Peer Steinbrück gezeigt. Der Großteil der Zuschauer hatte bei der Frage "Wer war glaubwürdiger?" für Steinbrück gestimmt. Glaubwürdigkeit wird zu einem großen Teil durch die emotionale Beteiligung bestimmt, die wir bei einer Person wahrnehmen. Denn dies wirkt sich darauf aus, ob wir das Gefühl haben, dass ein Mensch hinter dem steht, was er sagt. Darüber hinaus ist die emotionale Beteiligung, die wir bei einem Menschen wahrnehmen, auch entscheidend dafür, wie gut es ihm gelingt, uns mitzureißen und mit seinen Worten zu berühren.

Mehr Emotionen

Merkels Kommunikationsstil im Sommerinterview war durch Ruhe und einer Begegnung auf Augenhöhe geprägt. Dies ist ihre Stärke. Ein kleines Manko: In ihrer Mimik zeigt sie zwar auch kooperative Signale wie zum Beispiel ein Lächeln, aber in längeren Phasen ebenso ein relativ unbewegtes Mienenspiel. Dies macht es für Gesprächspartner schwer, sie einzuschätzen und zu "greifen". Eine etwas bewegtere Mimik und ein wenig mehr Emotionen zu zeigen – insbesondere ein echtes Lächeln, das sie sehr sympathisch wirken lässt –, täte ihrer Wirkung und Überzeugungskraft aus meiner Sicht gut. Gleichzeitig würde dies die bei ihr wahrnehmbare emotionale Beteiligung erhöhen.

Die drei nonverbalen Faktoren im Überblick

Souveränität und Sicherheit
Emotionale Beteiligung
Kommunikationsstil