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Über Reden

Argumentieren mit Würde

Der logische Beweis braucht kein Publikum, das rhetorische Argument schon. Warum man in einer Debatte nur von Prämissen ausgehen darf, die das Publikum teilt, erklärt Redenschreiber-Präsident Vazrik Bazil.

von Vazrik Bazil

Rhetorische Argumente sind keine logischen Beweise, aber unlogisch müssen sie deshalb nicht sein. Dennoch haben sie eine besondere Eigenschaft, die bereits in diesem Herbst die Bundestagsdebatte über ein heikles Gesetz bestimmen wird. Gemeint ist das Gesetz zur passiven Sterbehilfe.

Die Abgeordneten dürfen ohne Rücksicht auf ihre Fraktionen ihre Meinung verfechten. Parlamentsdebatten kommen noch einmal zu voller Geltung, weil nicht fraktionspolitische Absprachen außerhalb des Plenums die Abstimmung bestimmen werden, sondern die Kraft der Rede. "Sternstunden" des Parlaments hat man bisher solche Debatten genannt. Hoffentlich werden wir auch dieses Mal welche erleben.

Was zeichnet nun rhetorische Argumente gegenüber logischen Beweisen aus? Während letztere Schlussfolgerungen aus Prämissen richtig ableiten müssen, übertragen rhetorische Argumente die Zustimmung, welche das Publikum den Prämissen einräumt, auf die Schlussfolgerung. Der logische Beweis braucht kein Publikum, das rhetorische Argument schon. Deshalb darf der Redner nur von Prämissen ausgehen, denen das Publikum seine Zustimmung bereits im Vorfeld gegeben hat.

Werte sind dehnbar

Diese Prämissen sind die sogenannten "Werte" einer Gesellschaft, die zu einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt und in einer bestimmten Gesellschaft gültig sind und Geltung beanspruchen. Die Frage, ob alles, was wir landläufig als Wert bezeichnen, auch wirklich ein Wert ist, sei dahingestellt. Wem es aber gelingt zu zeigen, dass die eigene Meinung mit einem der allgemein hochgepriesenen Werte übereinstimmt, kann auf die Zustimmung des Publikums hoffen. Mag es auch zynisch klingen, so ist es gängig, entgegengesetzte Positionen mit denselben Werten zu begründen: "Sicherheit" ist ein solcher Wert, mit dem man Krieg ebenso hoffähig machen kann – "Wir müssen Soldaten dorthin schicken, um unsere Sicherheit zu schützen" – wie Frieden – "Wenn wir Soldaten dorthin schicken, werden wir unsere Sicherheit gefährden".

Den Dreh- und Angelpunkt der Bundestagsdebatte über das Gesetz zur passiven Sterbehilfe wird wahrscheinlich die Menschenwürde bilden. Beide Lager, Befürworter und Gegner, werden für sich beanspruchen, mit ihrer Meinung am ehesten der Menschenwürde zu entsprechen und Schwerleidenden einen würdevollen Tod zu ermöglichen. Beide Lager werden die Würde des Menschen zur Prämisse ihrer Argumentation erheben und die Debatte darauf zuspitzen. Wer hier die Definitionshoheit über die Würde gewinnt – auch mit der Unterstützung weiterer Werte wie Selbstbestimmung, Freiheit, Gnade – wird auch mit seinem rhetorischen Argument das Publikum überzeugen.