Plädiert für Politiker, die das Leben und seine Wechselgefälle kennen: Herfried Münkler (Foto: Stephan Baumann)
Herfried Münkler gilt als einer der profiliertesten Politikwissenschaftler und -berater Deutschlands. p&k hat mit ihm über den Einfluss der antiken Denker auf die heutige Politik gesprochen.
p&k: Herr Professor Münkler, die Revolutionen in der arabischen Welt haben ganze Staatssysteme zum Einsturz gebracht. Könnten die Werke der Vertragstheoretiker Hobbes und Locke beim Aufbau helfen?
Herfried Münkler: Sicherlich. Nicht unbedingt bei der Frage, wie das neue System bis ins kleinste Detail geplant werden sollte. Aber durch die von solchen Theoretikern vorgenommene Reflexion über die gute Ordnung können wir Bedingungen für das richtige politische Handeln aufstellen. Natürlich spielt auch Montesquieu mit seiner Lehre der Gewaltenteilung eine wichtige Rolle beim Aufbau neuer Staatsstrukturen.
Wäre es hilfreich, wenn sich die Politiker – in Ägypten und Deutschland – jetzt noch einmal mit den Theorien von Hobbes und Locke beschäftigen würden?
Die politischen Akteure vielleicht weniger, dafür aber ihre Beraterstäbe und die Juristen, die in Ägypten zurzeit an einer neuen Verfassung arbeiten. Auf europäischer Ebene könnte ich mir vorstellen, dass die Mitarbeiter in den parteinahen Stiftungen noch einmal die klassischen Texte zu Rate ziehen. Sie sind immer auf der Suche nach sozialen Gruppierungen und politischen Repräsentanten, von denen sie sagen können, dass sie potenzielle Verbündete für die heimische Regierung sind. Die Frage, was die heutige Politik von den alten Denkern lernen kann, richtet sich nur teilweise an die Politiker selbst. Im Zentrum steht eigentlich die intellektuelle Entourage, die um sie herum arbeitet.
Und bei diesen Beratern spielen die Bücher von Hobbes und Locke auch heute noch eine wichtige Rolle?
Das glaube ich schon. Denn diese Entourage ist ein Bereich, in dem wir Politikwissenschaftler großen Einfluss haben, einen größeren sogar als die Juristen. Diese prägen innerhalb eines Ministeriums den Alltag, und einige von ihnen werden sicherlich Hobbes gelesen haben. Aber die Mitarbeiter in den Think-Tanks und den Stiftungen sind oft Politikwissenschaftler. Und bei ihnen dürften Autoren wie Hobbes und Locke Pflichtlektüre gewesen sein. Wichtig ist, dass sie dabei begriffen haben, dass politische Theorie nicht als dogmatischer Corpus zu lesen ist, sondern eher im Sinne eines Frage-und-Antwort-Spiels. Gerade das macht die Attraktivität dieser Theoretiker aus.
Ein anderer Denker, über dessen Strategien heute noch gestritten wird, ist Machiavelli. Im Zentrum seines Denkens steht der richtige Umgang mit der Macht. Ist das der Grund für seine Beliebtheit unter Politikern?
Machiavelli ist für Politiker nicht nur interessant, weil er selbst 14 Jahre in der praktischen Politik gewesen ist. Angefangen zu schreiben hat er, nachdem er seiner Ämter enthoben wurde und politisch gescheitert war. Das heißt: Der Mann wusste, wovon er sprach. Infolgedessen schrieb Machiavelli nicht aus einer unendlich großen Distanz gegenüber der Politik; er versuchte, seine eigenen Erfahrungen aus dem Florenz des frühen 16. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der antiken Autoren zu verschriftlichen. Daraus entwickelte er seinen „Principe“, in dem er seinem Fürsten Empfehlungen im Duktus „Du musst, Du sollst, Du darfst“ gab. Machiavelli nutzte also das Genre des Fürstenspiegels. Aber nicht, um aus dem Fürsten einen guten Menschen zu machen, sondern um ihn auf Effizienz zu polen. Von daher ist der Bezug auf Machiavelli immer naheliegend.
Aber macht es Sinn, Machiavellis Theorien aus dem frühen 16. Jahrhundert auf die Politik des 21. Jahrhunderts zu übertragen?
Natürlich: Der Machtkampf stand in Machiavellis Zeit Spitz auf Knopf. Institutionen hatten keine so abfedernde und neutralisierende Wirkung wie heute. Trotzdem gibt es auch in unserer Zeit immer wieder Situationen, in denen etwas auf Messers Schneide steht. Karl-Theodor zu Guttenbergs Umgang mit der Frage, ob sich Deutschland in Afghanistan im Krieg befindet, ist ein gutes Beispiel. Vergleichen Sie den Eiertanz seines Vorgängers Franz Josef Jung um den Begriff „Krieg“ mit Guttenbergs offensiver Herangehensweise. Das sind Dimensionen, die durchaus an Machiavelli erinnern.
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