Doch abstrakte Ausdrücke und überlange Sätze lassen sich vermeiden. Den Beweis traten die Wissenschaftler gleich selbst an – mithilfe einer Textanalyse-Software. Die Originaltexte der Ministerien wurden mit diesem Programm „analysiert, optimiert und den Testpersonen wieder vorgelegt“. Diese mussten beide Versionen lesen und im Anschluss daran Verständnisfragen beantworten. Die Ergebnisse waren laut Brettschneider eindeutig: „Das Verständnis gegenüber dem Originaltext konnte um bis zu 50 Prozent gesteigert werden.“
„Textlab“, so der Name des Programms, wurde von den Hohenheimern zusammen mit Experten des in Ulm ansässigen Instituts für Verständlichkeit und Medien entwickelt. Es untersucht einen Text anhand spezieller Lesbarkeitsformeln und „markiert dann die problematischen Stellen im Dokument“, erklärt Brettschneider. Es könnten auch spezifische Einstellungen vorgenommen werden, mit denen sich Texte zielgruppengerecht anpassen ließen. „Beispielsweise kann ein Minister, der eine Ansprache vor einem überwiegend älteren Publikum halten wird, sein Rede-Manuskript auf Anglizismen durchforsten lassen“, erläutert Brettschneider. „Textlab“ biete dann verständliche Alternativen. Außerdem berechne das Programm den Bekanntheitsgrad von Wörtern, und „der Verfasser wird darauf hingewiesen, wenn er wieder einmal mit zu langen Sätzen um sich wirft.“
Ein Werkzeug, auf das Abgeordnetenbüros und Amtsstuben seit langem gewartet haben – könnte man meinen. Doch bislang seien noch keine Anfragen von Parteien oder Behörden gekommen, eine Lizenz der Software zu erwerben. Der Stolz der Parlamentarier steht dem möglicherweise im Weg. Denn es zeigt sich immer wieder, dass sie solch technische Hilfe oft gar nicht nötig haben. In jeder hitzigen Parlamentsdebatte und bei vielen Wahlkampfreden sprechen Politiker klar und direkt. Es dränge sich aber der Eindruck auf, gibt Brettschneider zu bedenken, dass die Volksvertreter manchmal froh darüber seien, dass bestimmte Anliegen und Vorhaben nicht gleich durchschaut werden. „Besonders wenn es um unpopuläre Forderungen und heikle Themen geht, drücken Politiker sich gern um klare Aussagen.“ Sofort fällt einem die Debatte um den Bundeswehreinsatz in Afghanistan ein. „Ein harmlos klingender ‚Stabilisierungseinsatz‘ lässt sich dem Wähler natürlich besser vermitteln als ein ‚bewaffneter Konflikt‘ mit ‚kriegsähnlichen Zuständen‘“, sagt auch Burk-
hardt. Es sei kein seltenes Phänomen, dass Sprache aus politischen Gründen modifiziert werde.
Sprache, Geist und Herz
Vorerst wird der Nachschub an optimierbaren Texten, die mit Politikersprech gespickt sind, wohl nicht versiegen. Das zeigt schon das aktuelle Beispiel des Wachstumsbeschleunigungsgesetzes. „Da hätten wir gern nach einem besseren Vorschlag für den Titel des Gesetzes gesucht“, sagt Stephanie Thieme. Doch sie und ihr Rechtsstab hatten den Entwurf „leider nicht auf dem Tisch“.
Die schwäbische Software „Textlab“ könnte solche Ungeheuer in Zukunft bekämpfen. Vielleicht genügt es aber schon, wenn Politiker sich an einen simplen Ratschlag halten, den der Philosoph Jean-Jacques Rousseau in seinem Erziehungsroman „Émile“ empfiehlt. Im Gegensatz zum Briten Canetti gab der Franzose sich optimistisch: „Lassen Sie die Sprache des Geistes durch das Herz gehen, damit sie verständlich wird.“
Christian Fichtner
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