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„Idioten“


„Wach auf“ – „Occupy" - Protest Ende Oktober in New York (Foto: Flickr)



Mal ein bisschen das Bankenviertel besetzen ist schon ganz ok, doch eigentlich macht die Jugend der westlichen Welt lieber noch einen MBA, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern – findet p&k-Chefredakteur Sebastian Lange.

Empört Euch! Occupy Wallstreet! Jawohl, die Jugend der Welt begehrt auf gegen das Finanzkapital, und die „99 Prozent“ der vom System Abgehängten wehren sich, sie organisieren sich – und überhaupt: Erleben wir in diesen Tagen nicht ein neues 1968? Ja, ein bisschen. Aber nur ein ganz kleines bisschen. Wenn man genauer hinschaut, hält sich das politische Bewusstsein der Jugend in Grenzen, was eigentlich für die meisten Bewohner der westlichen Welt gilt. Im Grunde sind wir Idioten, und zwar im ursprünglichen Sinne. „Idiotes“, so hießen im antiken Griechenland die Bürger, die sich nicht um die Belange der Polis, der Allgemeinheit, kümmerten. Der Begriff war damals noch kein Schimpfwort, er bezeichnete eine Art Privatier. Doch war das politische Bewusstsein den alten Griechen wichtig, und nur als politisch engagierter Mensch war man ein vollwertiger Bürger. Jeder, der wählte, sollte auch bereit sein, sich selbst wählen zu lassen.

In unseren Zeiten, in denen Politiker meist Berufspolitiker sind, ist das Idealbild des Bürgers jedoch eher das des Homo Oeconomicus als das des Homo Politicus.

Zum Homo Oeconomicus, der sein Schicksal nach wirtschaftlich-rationalen Gesichtspunkten gestaltet, wurden Generationen wie meine, die der in den 70er oder 80er Jahren Geborenen, frühzeitig erzogen. War schon zu Helmut Kohls Zeiten immerfort die Rede vom „Standort Deutschland“, so ging es unter den an die Macht gekommenen 68ern von Rot-Grün ähnlich weiter: Konsumieren war Bürgerpflicht, auf die Nachfrage kam es an; Gerhard Schröder forderte die Bürger auf, einkaufen zu gehen. Zugleich wurde das System der universitären Ausbildung europaweit auf Effizienz getrimmt, auf dass die kleinste wirtschaftliche Einheit, der Mensch, sich auf dem Arbeitsmarkt behaupten könne. Humboldtsches Bildungsideal, Studium Generale? Weg mit dem Plunder, nun war der Master of Business Administration, der MBA, gefragt. Auch der Kunsthistoriker sollte Manager sein – wie sollten künftige Museumsdirektoren denn sonst vernünftig Sponsoren werben können?

Nach der ersten Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 frohlockte manch einer, das Primat des Politischen kehre endlich zurück, nun, nachdem das Versagen der Finanz- und Wirtschaftselite so offenbar wurde. Doch war das Versagen schnell vergessen, und mit der zweiten Krise, der aktuellen, da zeigte sich: Die politische Klasse versagte ebenso, nicht nur in Griechenland, sondern in ganz Europa und den USA. Sie türmte Schulden auf, weil sie den Wählern, diesen Idioten, keinen der Wünsche abschlagen wollte, die sie nie geäußert hatten.

Nun aber begehren einige zaghaft auf. Occupy Wallstreet, empört Euch! – das ist schnell auf Facebook „geliked“, und so dürfen wir uns als Teil einer globalen Bewegung fühlen, ohne dass es dazu nennenswerter Anstrengung bedürfte. Tatsächlich aber ist der „Like“ ein Accessoire, Teil des Designs unserer Selbstdarstellung. Tatsächlich engagieren wir uns wenig, sind eher damit beschäftigt, beruflich voranzukommen – obwohl wir inmitten eines unfassbaren Wohlstands leben, in einem Land, das so friedlich ist wie nie zuvor. Doch fühlen wir uns gefährdet, haben Angst um den Klassenerhalt, um die iPads, Flachbildschirme und Manufactum-Möbel.

Gerne stellen wir, die gut Ausgebildeten, die Systemfrage – theoretisch. Doch fehlt es an persönlicher Betroffenheit. Wo die 68er noch persönliche Konflikte austrugen, weil es ihre Eltern waren, die sich in Unrecht verstrickt, ihre Lehrer, die sich autoritär gebärdet hatten, geht es uns womöglich zu gut, um so richtig wütend zu werden, uns zu empören. Die Probleme der Welt sind drängend, aber wir spüren sie noch nicht. Natürlich ist jeder gegen Hunger in Afrika, doch fühlt es sich für viele irgendwie total „eighties“ an, dagegen zu protestieren. Wir sind nicht betroffen. Wir sind Idioten.

Vielleicht wissen wir es nicht besser. Der Grieche wusste noch, was seine Polis ist, sie begann unten am Hafen und endete oben auf der Burg. Was aber ist unsere Polis? Unsere Polis ist die hochvernetzte Welt, doch sind die globalen Institutionen noch zu schwach, als dass wir uns wirklich als Weltbürger fühlen dürften. Wir kommunizieren weltweit miteinander, doch beschränkt sich das meist noch auf flüchtige Klicks. Und überhaupt: Wo soll man bloß anfangen?

Protest ist ein guter Anfang, doch könnte man in der Zwischenzeit vielleicht mal zu einer dieser altmodischen Parteiversammlungen gehen; man könnte in die Ortsgruppe vom Naturschutzbund gehen oder in die Kirchengemeinde nebenan. Da finden Graswurzeln Boden. Die Leute dort sind langweilig? Das mag sein, aber wenigstens sind sie keine Idioten.



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