„Natürlich müssen die Deutschen zahlen“ – Peer Steinbrück bei einem Vortrag (Foto: Marco Urban)
Peer Steinbrück will für die Euro-Rettung ein neues Framing. Doch gerade das Beispiel der Euro-Krise zeigt die Grenzen dieser Methode. Ein Essay von Max A. Höfer.
In der Eurokrise liegen politische Elite und Bevölkerung weit auseinander. Während im Bundestag Rettungsschirme in dreistelliger Milliardenhöhe parteiübergreifend große Mehrheiten finden, bleibt das Wahlvolk skeptisch. Nach einer Forsa-Umfrage misstrauen fast 70 Prozent der Bürger sowohl der Bundesregierung als auch der Opposition, nur knapp die Hälfte vertraut der Europäischen Zentralbank.
Könnte eine bessere politische Kommunikation das tief sitzende Misstrauen in der Bevölkerung abschwächen? Muss die Euro-Rettung einfach nur besser verkauft werden? SPD-Troika-Mitglied Peer Steinbrück ist dieser Meinung. Im „Spiegel“ sagt er: „Die Politik hätte eine neue Erzählung über Europa erfinden müssen, die nicht zuletzt auch den deutschen Zahlungsbeitrag gegenüber der eigenen Bevölkerung rechtfertigt.“
Eine neue Erzählung erfinden – der Fachbegriff dafür heißt Framing. In der Kommunikation hat Framing in den letzten Jahren einen Siegeszug angetreten. An der Eurokrise zeigen sich allerdings auch die Grenzen dieser Methode.
Ein Frame ist ein Interpretationsrahmen, der eine bestimmte Sicht auf ein Geschehen formt und so die Perspektive bestimmt, aus der Nachrichten aufgenommen werden und einen Sinn erhalten. Aus der Neuropsychologie wissen wir, dass unser Gehirn Fakten ausschließlich in einem Deutungsrahmen aufnimmt und dass dieser durch Emotionen bewertet wird. Solche Frames strukturieren unser Wissen von der Welt, und sie werden in Metaphern ausgedrückt. Auch das politische Denken wird durch Metaphern und Deutungsrahmen geleitet. Die Verheißung der Framing-Methode besteht darin, dass man eben nur schneller und besser als der politische Gegner seine Deutungsschemata durchsetzen muss. Schon folgen einem die Mehrheit der Medien und der Bevölkerung.
Gewinn-Framing versus Verlust-Framing
Frames sind vor allem dann sehr wirkungsvoll, wenn sie am Beginn der Berichterstattung präsentiert werden und den Tenor der Deutung vorgeben. Die Politik hat zu Beginn der Euro-Krise die Probleme verharmlost und die Schuld auf die Banken geschoben. Dann wurden die Probleme immer riesiger, und die Rolle der Banken blieb unklar. Retten wir jetzt Zockerbanken oder Schuldenstaaten, und wenn ja: warum eigentlich mit unserem Geld? Die Kommunikation war unentschlossen und unehrlich. Laut Steinbrück rächte sich zudem eine alte Notlüge, die an der Wiege zum Euro stand: Dass die Währungsunion zwangsläufig auf eine Transferunion hinauslaufe, habe man den Deutschen damals verschwiegen, sonst hätten sie nicht mitgemacht. „Diese politische Lebenslüge hätte schon vor eineinhalb Jahren eingestanden und erklärt werden müssen“, meint der Sozialdemokrat heute.
Steinbrück empfiehlt deshalb einen Akt der Ehrlichkeit, der mit einer großen, neuen Sinngebung verbunden sein soll: Der Euro sei „die Antwort auf 1945 und auf das 21. Jahrhundert.“ Deutschland profitiere politisch, ökonomisch und gesellschaftlich, und das bedeute: „Natürlich müssen die Deutschen zahlen. Aber das Geld ist gut investiert in unsere und die Zukunft Europas, in Frieden und Wohlstand.“
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