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Falsche Freunde


Falsche Freunde

Der Fall Wulff regt zum Nachdenken über die Grenzen des Networking an. Wichtigste Erkenntnis: Mit dem Paten kann man nicht befreundet sein. Ein Essay von p&k-Chefredakteur Sebastian Lange.


In dem durch die Verfilmung berühmt gewordenen Roman „Der Pate“ von Mario Puzo gibt es die Szene, in der der Bestatter Bonasera den Mafiapaten Vito Corleone bittet, die Schändung seiner Tochter zu rächen. Corleone tut erst beleidigt – ist er denn ein schnöder Verbrecher? –, als Bonasera ihm aber seine „Freundschaft“ zusichert, zeigt der Pate sich großzügig: „Du sollst Gerechtigkeit haben. Eines Tages, und dieser Tag wird vielleicht niemals kommen, werde ich Dich bitten, mir dafür einen Gefallen zu tun. Bis dahin betrachte diese Gerechtigkeit als Geschenk.“

Was lernen wir daraus? Der Pate ist eigentlich ein ganz Lieber, der will nur Freundschaft. Er nimmt später auch nur eine geringe Gegenleistung in Anspruch, als Bonasera Corleones von Maschinengewehrkugeln durchsiebten Sohn vor der Aufbahrung ein wenig hübsch machen soll, damit Mama Corleone nicht zu entsetzt ist.

Diese Schlüsselszene aus „Der Pate“ verdeutlicht das Grundprinzip des Networkings, wie es auch in der Politik täglich zur Anwendung kommt, nur in unblutiger Form. Das simple Prinzip des „Eine Hand wäscht die andere“ wird gleichermaßen in der Management-Literatur immer wieder als Erfolgsrezept beschrieben, und so ist es kein Wunder, dass der AWD-Gründer und bekannte Politikerfreund Carsten Maschmeyer sich in seinem Buch „Selfmade“ ebenfalls über das Networking auslässt. „Goßartige Menschen haben großartige Netzwerke“ lernen wir da, und konkret vermittelt Maschmeyer Erkenntnisse wie diese: „Networking ist ein Sparkonto, auf das man zunächst viel einzahlen muss, um später davon abzuheben.“

Wenn der eine Networker – „Freund“ im Sinne Corleones – dem anderen einen wichtigen Menschen vorstellt, entstünden „Kontaktschulden“. Der eine hat beim anderen also einen gut, und wenn dieser Tag vielleicht auch niemals kommen wird, so ist doch irgendwann die Gegenleistung fällig. Für Politiker fangen genau da die Probleme an: Wenn sie, wie Christian Wulff, sich mit solchen Freunden einlassen, stehen sie immer im Verdacht, Schulden auf ihrem Networking-Konto zu haben. Wenn der Freund mal dringend eine Bürgschaft, Genehmigung oder auch nur eine Empfehlung benötigt, wird es den Politiker zumindest eine Erklärung kosten, warum er in der Angelegenheit nichts für ihn tun kann. Es kann unangenehm sein, einem Freund etwas abzuschlagen. Für schwache Charaktere ist es da zur Korruption nicht allzu weit.

Das landläufige Lob des Networkings gehört also auf den Prüfstand: Für Politiker, Lobbyisten und Journalisten gehören Kontaktpflege und Informationsaustausch zunächst einmal zum Job, andernfalls könnte keiner von ihnen seine – legitime – Aufgabe erfüllen. Kompliziert aber wird es, wenn der Politiker dem Lobbyisten womöglich einen Gefallen tut, damit dessen Unternehmen Arbeitsplätze schafft; wenn der Journalist mal auf eine Enthüllung über einen Politiker verzichtet, weil dieser stets so gute Informationen aus der Partei liefert – was ja auch dem Leser, der Öffentlichkeit dient. In einem Netz kann man sich verstricken, und nur für den Einsiedler in der Wüste ist es leicht, integer zu sein. Für den Durchschnitts-Menschen aber bedeutet es zuweilen große Anstrengung. Diese aber lohnt sich, wenn man Überzeugungen sein Eigen nennt und morgens noch in den Spiegel schauen will. Und vor allem ist die Anstrengung vereinbar mit Networking – dieses will nur richtig verstanden sein. Ist es nicht das Konstruktionsprinzip eines Netzes, dass einzelne Verbindungen reißen dürfen? Der integre Networker traut sich, eine Rechnung auch mal nicht zu bezahlen, wenn der Preis zu hoch ist. Das muss erlaubt sein bei einem Geschäft, bei dem die Gegegenleistung erst später, und dann auch noch einseitig bestimmt wird. Bei Leuten wie Vito Corleone ist das zugegebenermaßen schwierig. Wer aber wirklich glaubt, der Pate wolle vor allem Freundschaft – der ist dann eh zu doof für Politik und Business.

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