Gabor Steingart, 48, ist seit Anfang April Chefredakteur des „Handelsblatts“. p&k sprach mit dem ehemaligen Leiter des Berliner „Spiegel“-Büros über Phrasen in der Politik, rhetorische Hoffnungsträger und pathetische Botschaften.
p&k: Herr Steingart, Anfang Mai haben Sie die Generalsekretäre der Parteien als „Sprechblasen-Politiker“ bezeichnet. Was haben Sie damit gemeint?
Gabor Steingart: Das sind oftmals Politiker, die nicht auf das Argument des Gegenübers eingehen und bei Interviews lediglich vorher ausgedachte Sätze zu platzieren versuchen. Das ist keine Kommunikation im Sinn von miteinander reden. „Communicare“ kommt aus dem Lateinischen und heißt gemeinsam machen, sich mit anderen austauschen.
Sie haben damals auch angekündigt, die Generalsekretäre im „Handelsblatt“ nicht mehr zu Wort kommen zu lassen.
Dieses Verbot konnte ich leider – oder soll ich sagen: Gott sei Dank – nicht immer durchhalten. Den FDP-Generalsekretär Christian Lindner hatten wir ein paar Mal im Originalton in der Zeitung. Wir haben es meines Erachtens aber auch mit einem Ausnahmepolitiker zu tun. Er spricht nicht wie die üblichen Generalsekretäre, wohl auch deshalb, weil er anders, komplexer denkt, über seine heutige Funktion hinaus.
Gab es aus den Parteien Reaktionen auf Ihre Äußerung?
Die Politiker waren nicht überrascht, sie wissen, wie ich über die politische Sprache denke. Ich habe schon in meinem Buch „Ansichten eines Nichtwählers“ die Sprache der Politiker als Partei-Chinesisch kritisiert. Mit unserem alltäglichen Gebrauch von Sprache hat das oft nichts zu tun.
Wo lernen die Politiker dieses Partei-Chinesisch?
In den Parteigremien. Dort herrscht eine verklemmte Sprache; nicht weil Politiker nicht anders reden könnten, sondern weil sich diese Art Geheimsprache, die Sprache des Andeutens, dort bewährt hat. Viele Bundestagsabgeordnete sind ja nicht direkt gewählt, sondern über die Liste. Solche Abgeordnete müssen sich vor allem mit ihren Parteifreunden auseinandersetzen. Bei Reden im Bundestag kann man fast blind sagen, wer direkt gewählt und wer über die Liste eingezogen ist. Die einen setzen auf Phrasen, die anderen tun das deutlich weniger. Die einen reden zum Volk, die anderen zu den Parteigremien.
Glauben Sie, dass die Phrasen irgendwann verschwinden?
Die Auseinandersetzung um „Stuttgart 21“ zeigt, das sich etwas ändern kann. Heiner Geißler, früher selbst einmal Generalsekretär, ist heute in der Lage, in der Sprache des Volks zu reden. Dass die baden-württembergische Landesregierung ihn als Schlichter und Dolmetscher braucht, sagt viel aus. Und das in einem Bundesland, das einst mit dem schönen Satz für sich warb: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“
Welcher aktive Politiker spricht zurzeit besonders klar?
Über Christian Lindner haben wir gesprochen, aber auch Karl-Theodor zu Guttenberg benutzt eine differenzierte, oft sogar feinsinnige Sprache, die erkennbar an der Sache selbst orientiert ist. Peer Steinbrück von der SPD ist hier ebenfalls zu nennen. Er redet so über die Wirklichkeit, dass der Bürger sich in der Sprache und damit in ihm wieder findet. Alle drei Politiker verfügen über den wohltemperierten Ton der Mitte, der dem derzeitigen Empfinden der Deutschen entspricht. Mit ihrer Sprache versuchen sie den Gegner einzubeziehen, anstatt ihn auszugrenzen.
Alle drei könnten es also schaffen, wieder mehr Menschen für Politik zu begeistern.
Alle drei wirken über ihre Parteien hinaus. Bei Lindner ist noch ein weiteres interessant: Er steht nicht mit seiner Politik, wohl aber mit seiner Sprache im Gegensatz zu seinem Parteichef Guido Westerwelle. Dieser wirkt qua Sprache aggressiv und ausgrenzend. Das bekommt weder der Sprachkultur noch ihm besonders gut.
Haben deutsche Politiker eigentlich ein Problem mit emotionaler Sprache?
Nein, das würde ich so nicht sagen. Denken Sie an Willy Brandt und Franz Josef Strauß. Sie haben sehr emotional gesprochen, zuweilen sogar sehr pathetisch. Auch bei Helmut Kohl war viel Pathos im Angebot. Zum Beispiel die „blühenden Landschaften“ – was für ein kitschiges, im Wortsinn blumiges Bild. Aber es reizte zum Widerspruch und taugte als Zielbestimmung. Man wusste, wo er hin wollte. Das weiß man von Angela Merkel nicht. Ihre Sprache verschleiert mehr, als dass sie uns etwas über ihre politischen Absichten verrät.
Unterscheidet sich die Sprache der Wirtschaft von der der Politik?
Dort beobachten wir leider den gleichen Trend. Auch viele Firmenchefs benutzen – wenn sie öffentlich auftreten – eine Geheimsprache, die eher verschleiern soll. Bilanzkosmetik heißt heute zum Beispiel „financial engineering“. Das Wort „Nachhaltigkeit“ wird im Munde geführt, aber nicht erklärt. Der „Bonus“ wird bei vielen Investmentbanken auch dann gezahlt, wenn die Geschäftslage hinter den Ankündigungen zurückbleibt. Das alles führt zur Entkernung von Sprache. Viele Manager täten gut daran, Sprachkritik zu üben. Sprache ist das Bindeglied der Gesellschaft: Kommt es zur Störung, leidet mehr als nur das Sprachempfinden.
Interview: Johannes Altmeyer
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