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„Digitale Geburtshelfer der Revolution“


"Game over" für Gaddafi? Libyen, Mitte Februar (Foto: Al-Dschasira)



Tunesien, Ägypten, Libyen: Die arabische Welt ist in Aufruhr. Viele Demonstrationen wurden über die sozialen Netzwerke geplant. Doch welche Rolle haben Facebook, Twitter und Co. bei den Umbrüchen wirklich gespielt?

„Thank you Facebook!“ Die Graffitis auf Häuserwänden und Transparenten zeugen nach dem Sturz des ägyptischen Staatschefs Hosni Mubarak von der Bedeutung, die viele der zumeist jungen Aktivisten dem sozialen Netzwerk aus den USA beimessen.

Der Ägypter Jamal Ibrahim wollte auch nach dem Sturz des Regenten daran erinnern, welche Rolle das Netzwerk dabei gespielt hat – und gab seiner erstgeborenen Tochter aus Dankbarkeit den Vornamen Facebook. Es wird sich zeigen, ob er damit einen Trend ausgelöst hat und bald auch kleine „Twitters“ und „Youtubes“ durch die Straßen Kairos toben. Auf jeden Fall trifft das Mädchen namens Facebook beim jüngeren Teil der ägyptischen Bevölkerung einen Nerv: Für sie hat das Netzwerk das Tor zu Freiheit und Demokratie aufgestoßen. Der ägyptische Google-Mitarbeiter und Internet-Aktivist Wael Ghonim, der die Proteste mitorganisiert hatte, erklärte in einem Interview mit CNN, dass die Revolution auf Facebook gestartet wurde: „Dies ist die Revolution 2.0!“

Es war nicht überraschend, dass einige Medien den Ereignissen in Ägypten und Tunesien schnell den Stempel „Facebook-Revolution“ aufdrückten. Denn nach sozialen Netzwerken benannte Revolutionen haben Konjunktur: Anfang 2009 las die Welt bereits von einer „Twitter-Revolution“ in Moldawien. Ein paar Monate später das Gleiche im Iran: Das Aufbegehren gegen das Regime von Mahmud Ahmadinedschad ging, diesmal von großer medialer Aufmerksamkeit begleitet, als weitere „Twitter-Revolution“ um die Welt. Ein ehemaliger Berater von George W. Bush schlug den Mikroblogging-Dienst daraufhin gar für den Friedensnobelpreis vor.

Revolutionäre Kraft?

Ein Grund für die Überhöhung von Twitter, Facebook und Co. ist, dass sie oft die einzigen direkten Nachrichtenquellen aus den Krisenregionen sind. Die Bilder und Botschaften der arabischen Internet-Aktivisten gingen um die Welt, tausendfach weiterverbreitet, von einfachen Internetnutzern und westlichen Massenmedien.

Diese Allgegenwärtigkeit und die vermeintlich vielstimmige Live-Berichterstattung erschufen den Eindruck einer Twitter-gestützten Protestbewegung – obwohl es nach Schätzungen zu dieser Zeit nicht mehr als 1000 aktive Twitter-Kanäle im Iran gab. Es war wenig überraschend, dass die Idee der „Twitter-Revolution“ nach der ersten Euphorie schnell wieder verschwand. Und auch der amerikanische Journalist Malcolm Gladwell sprach sozialen Netzwerken und dem Internet eine demokratisierende Kraft weitgehend ab. Der Wissenschaftler Evgeny Morozov stellte sogar die These auf, dass das Internet vor allem Unterdrückern neue Überwachungsmöglichkeiten biete und sich die positiven Effekte so ausglichen.

Natürlich hat das Internet per se keine revolutionäre Kraft. Das Ausrufen einer „Facebook-Revolution“ ist eine Reduktion, die der Komplexität des Zusammenspiels verschiedener Akteure und Medien sowie der Wechselwirkung von on- und offline-Aktivitäten nicht gerecht wird; auch die Motivation für den Protest lässt eine solche These außer Acht. Doch die Bedeutung des Internets darf nicht unterschätzt werden. Vor allem Facebook, Youtube und Flickr haben eine wichtige Rolle gespielt: als Plattform, Menschen zu mobilisieren, und als Möglichkeit, den Protest zu dokumentieren und zu verbreiten.

Facebook wurde in Ägypten bereits vor mehr als zwei Jahren als Protestwerkzeug genutzt. Am 6. April 2008 kam es in der Stadt Mahalla al-Kubra zu Unruhen, weil Textilarbeiter mit einem Streik gegen ihre niedrigen Löhne protestieren wollten. Junge Digitalaktivisten gründeten die Facebook-Gruppe „6th of April Youth Movement“, um landesweit auf den Streik aufmerksam zu machen. Die Gruppe diente als Plattform, Demonstrationen zu organisieren, und wuchs schnell auf mehr als 70.000 Mitglieder an. Eine beachtliche Zahl: Zu dieser Zeit gab es weniger als eine Million Facebook-Nutzer in Ägypten.

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