Das mittlerweile stillgelegte Kernkraftwerk Dounreay im schottischen Caithness
Nach der Atomkatastrophe von Fukushima hat auch in Großbritannien eine neue Atomdebatte begonnen – allerdings verläuft diese nicht annähernd so aufgeregt wie in Deutschland.
Die Briten sind bekannt für ihre Zurückhaltung und Gelassenheit. Sie echauffieren sich nicht so schnell und leben nach dem Prinzip des Pop-Sängers Sting: „A gentleman walks but never runs.“ Diese Mentalität zeigte sich auch in der Zeit unmittelbar nach dem Atomunfall in Fukushima. Während die deutschen Medien die nukleare Apokalypse förmlich herbeischrieben, berichteten britische Medien in erster Linie über das Erdbeben und den verheerenden Tsunami; auch die ernste Lage im Atomkraftwerk von Fukushima war ein Thema. Doch passierte all das ohne denselben Alarmismus, den die Sondersendungen in Deutschland verbreiteten. So titelte die „Sun“ am 15. März, dem Tag nach den Explosionen in Reaktor Drei des Atomkraftwerks von Fukushima: „450 Briten in Erdbebengebiet vermisst.“ Zum Vergleich die „Süddeutsche Zeitung“ am selben Tag: „Atommeiler außer Kontrolle – Tokio in Angst“. Am Tag zuvor, nachdem in Reaktor Drei bereits eine Kernschmelze befürchtet und der Reaktor notdürftig mit Meerwasser gekühlt worden war, hatte der „Guardian“ noch getitelt: „Nach der Welle kommt die Trauer.“ Auch kam es in Großbritannien – im Gegensatz zu Deutschland – nicht zu Hamsterkäufen bei Geigerzählern oder einem erhöhten Absatz bei Jodtabletten.
Als die deutsche Bundesregierung vier Tage nach den dramatischen Ereignissen in Fukushima erklärte, die sieben ältesten Meiler in Deutschland sofort abzuschalten und Hunderttausende gegen Atomkraft auf die Straße gingen, nahmen die Engländer das mit Verwunderung zur Kenntnis. Die Nachrichtenagentur Reuters beschrieb die deutsche Reaktion auf die Situation in Japan als „einzigartig drastisch“. Dass sich am Thema Atomkraft in Deutschland sogar ganze Wahlen entscheiden könnten, überstieg die Vorstellungskraft der Engländer vollends.
Britischer Pragmatismus
Zum Vergleich: In England genügte eine Stellungnahme des Ministers für Energie und Klimawandel, Chris Huhne, um die Gemüter zu beruhigen. Er versicherte am 16. März, dass sein Ministerium die Sicherheit der Kühl- und Notsysteme in britischen Atommeilern überprüfen werde. Zwar bestehe weder die Gefahr von Erdbeben, noch drohten dem Land Tsunamis, doch müsse England aus den Ereignissen in Japan lernen und die Sicherheit der Meiler weiter erhöhen. Generell gebe es für die britische Regierung jedoch keinen Grund, weitere Maßnahmen zu ergreifen oder gar aus der Kernkraft auszusteigen. Widerspruch dazu gab es nur vereinzelt; die mediale Berichterstattung hielt sich in Grenzen.
Für die Diskussion in Deutschland sind zwei Faktoren entscheidend: Tschernobyl und die atomare Bedrohung des Kalten Kriegs. Zum einen wurde Großbritannien im Jahr 1986 nicht so stark von der radioaktiven Wolke aus Tschernobyl getroffen wie Deutschland. Während Tschernobyl für die Briten eher eine Randnotiz der Geschichte bleibt, war es in Deutschland für eine ganze Generation ein prägendes Ereignis, das bis heute tief im kollektiven Gedächtnis verankert ist. Zum zweiten verlief die Front des Kalten Kriegs aus Sicht der Briten in relativ sicherer Entfernung. In Deutschland verlief sie mitten durch das Land. Jeder – ob in Ost oder West – wusste, dass im Fall einer atomaren Auseinandersetzung Deutschland zuerst betroffen wäre. Zwar hätten sowjetische Raketen mühelos auch London oder Manchester erreicht, die nukleare Bedrohung in England war jedoch längst nicht so unmittelbar.
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